Laufen lassen von Pferden

Jedes Jahr, insbesondere in der Winterzeit, erlebe ich ein bis zwei Frakturnotfälle, die immer im Zusammenhang mit dem „Laufen lassen der Pferde“ einhergehen. Viele Besitzer lassen regelmäßig aus unterschiedlichen Motivationsgründen ihre Pferde entweder in der Halle oder auf einem Platz laufen. Oft geschieht das, ohne vorherige – beim Reiten übliche – Aufwärmphase der Knochen, Gelenke, Muskulatur und Sehnen.

Diese Situation ist vergleichbar dem Skifahren ohne Aufwärmen – vom Lift aus direkt auf die Piste. Infolge dessen entstehen nicht selten Spannungen im Knochen, die dann unter der Last der nunmehr unkontrollierten Bewegungen zu Fehlbelastungen führen. Es kann zu tonnenschweren Spannungen innerhalb der Knochen kommen und zur Zerstörung des Gewebes führen. Dies ist natürlich für alle Beteiligten eine hochdramatische Situation und betrifft, trainierte Sportpferde gleichermaßen wie unregelmäßig genutzte Freizeitpferde.

Das Pferd handelt beim „frei laufen lassen“ nicht vernünftig. Insbesondere Pferde, die regelmäßig geritten werden – wo die Verantwortlichkeit für die Intensität und Art der Bewegung beim Reiter liegt – haben für die körperlichen Belange kein Erfahrungsmomentum und auch kein ausreichendes Körpergefühl und folgen einfach dem Bedürfnis nach ausgelassener Bewegung. Insbesondere bei unzureichender Aufwärmphase kann dies zu den genannten Verletzungen nicht nur im Knochenbereich, sondern auch an allen anderen orthopädischen Strukturen führen.

Der Rat muss sein, insbesondere bei Sportpferden, auf ein „Laufen lassen“ aus unterschiedlichen Gründen, insbesondere in der Winterzeit gänzlich zu verzichten. Soll das „Laufen lassen“ fester Bestandteil des Trainingsprogrammes sein, ist für es sehr wichtig, für eine der Jahreszeit angemessene und dem Alter und der Nutzungsrichtung des Pferdes entsprechende Aufwärmphase zu sorgen. Dies bedeutet mindestens eine Viertelstunde kontrollierte Schrittbewegung, bevor dem Pferd die eigenständige unkontrollierte Bewegung zugemutet wird.

In jedem Fall sollte sichergestellt sein, dass ein Pferd nicht mit einer auch nur geringgradigen Lahmheit zum Laufen lassen veranlasst wird. Nicht selten sind geringgradige Vorschädigungen verantwortlich dafür, dass es zu den genannten Fehlbelastungen kommt, die dann eben in der Katastrophe münden. Auch wenn das freilaufende Pferd für viele Besitzer eine wichtige Komponente im Umgang mit dem Pferd darstellt, so sollte man sich des gesteigerten Risikos immer bewusst sein.

Dr. Stephen Eversfield

Fachtierarzt für Pferde, Fachtierarztpraxis Eversfield, Pferdegesundheit Rhein Main, Hattersheim

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