Die Schlundverstopfung des Pferdes ist ein lebensbedrohlicher Notfall!

Der Schlund (=Speiseröhre) des Pferdes ist lang und eng und mündet in einem sehr spitzen Winkel in den Magen, der es dem Pferd unmöglich macht, zu erbrechen. Zu dieser Besonderheit kommt eine Engstelle im Bereich des Mageneinganges. Dort ist der Durchmesser des Schlundes um 1 cm verringert. An dieser Stelle entstehen beim Pferd die meisten Verstopfungen. Das Futter (meistens mangelhaft eingeweichte Rübenschnitzel oder Pellets) bleibt stecken und kann wurstartig bis zum Kehlkopf reichen. Seltener sind es Äpfel, Mohrrüben oder andere Hackfrüchte, die eher im oberen Bereich des Schlundes festsitzen. Häufig ist der Fremdkörper von außen zu fühlen. Steckt etwas in der Speiseröhre fest, kommt es augenblicklich zum Krampf.

Folgende Ursachen können zu einer Schlundverstopfung führen:

  1. Falsches Futter: z.B. nicht oder nicht ausreichend lange eingeweichte Rübenschnitzel. Diese können um das 10-Fache aufquellen, Pellets quellen um das 3-Fache.Weiterhin sind nicht zerkaute Äpfel und Möhrenstücke (lieber ganz oder sehr klein zerschnitten füttern, dass sie nicht mehr stecken bleiben können) als Pferdefutter ungeeignet.
  2. Nervlich: In Stresssituationen kommt es zur weiteren Verengung der Speiseröhre, beispielsweise beim Transport, in fremder Umgebung, Futterneid mit dem Nachbarn, während und kurz nach der Arbeit. In solchen Situationen ist es sinnvoller, nur oder zu erst Heu zu geben.
  3. Anatomische Besonderheiten / Störungen: Zahnerkrankungen führen zur ungenügenden Zerkleinerung und damit Einspeichelung der Nahrung, Tumore und Geschwüre können mechanische Hindernisse bei der Futterpassage darstellen.
  4. Mischformen: Meistens entsteht eine Schlundverstopfung, weil mehrere Faktoren zusammenkommen. Dies sind Stresssituationen in Verbindung mit Zahnproblemen und quellenden Futtermitteln. Die häufigsten Schlundverstopfungen entstehen nach Pellet- oder Rübenschnitzelverfütterung.

Wie äußert sich eine Schlundverstopfung?

Das Pferd verweigert die Nahrungsaufnahme. Deutlich sichtbar ist der beidseitige speichelartige Nasenausfluss, der auch in Futterfarbe gefärbt sein kann (grün, braun). Hinzu kommen Würgen und Krampfen des Halses. Der Kopf wird häufig weit vorgestreckt. Gelegentlich zeigt das Pferd Koliksymptome mit einer erhöhten Puls- und Atemfrequenz, Schwitzen, Scharren, Wälzen und Unruhe.
Sobald Sie als Pferdebesitzer den Verdacht haben, dass es sich um eine Schlundverstopfung handeln könnte, dann sollte so schnell wie möglich ein Tierarzt gerufen werden. Da während des Einatmens das futterhaltige Speichelsekret in die Atemwege gelangt, ist die Gefahr einer Lungenentzündung (Pneumonie) umso größer, je länger die Verstopfung dauert.

Bis der Tierarzt eintrifft sollten Sie als Pferdebesitzer Erste Hilfe-Maßnahmen ergreifen:

  • Futterentzug
  • Das Pferd spazieren führen. Das lenkt ab und führt so zur Entkrampfung der Speiseröhre
  • Die linke Halsseite entlang der Speiseröhre in Richtung Magen sanft massieren.

Der Tierarzt wird nach der klinischen Untersuchung und Feststellung der Schlundverstopfung dem Pferd ein Entkrampfungsmittel und evtl. ein Beruhigungsmittel spritzen. Das Entkrampfungsmittel, in der Regel Buscopan, soll die Muskulatur der Speiseröhre erschlaffen lassen. So können z.B. Äpfel oder geringe Verstopfungen mittels einer Nasenschlundsonde in den Magen gestoßen werden. Das Beruhigungsmittel ist häufig sinnvoll, da der meistens nötige Spülvorgang mittels einer Nasenschlundsonde im Bereich der Verstopfung schmerzhaft sein kann. Das führt zur vermehrten, heftigeren Atmung mit einer größeren Gefahr der Lungenentzündung. Dieser Spülvorgang kann je nach Art und Dauer der Verstopfung bis zu zwei Stunden dauern. Häufig sind es Rübenschnitzel oder Pellets, die am Abend zuvor gegeben wurden, die oft zementartig zusammenkleben und mühsam aufgelöst werden müssen. Dazu wird immer wieder Wasser bis zur Anschoppung geleitet und wieder zurück in einen Eimer, bis sich der Futterbrei verflüssigt hat und die Speiseröhre wieder durchgängig ist. Das Pferd muss in so einem Fall immer antibiotisch versorgt werden, um eine Infektion der Atemwege zu verhindern. Der Tetanusschutz sollte auch kontrolliert werden, da beim Spülvorgang Mikrowunden entstehen können.

Nach einer erfolgreich behandelten Schlundverstopfung ist es wichtig, dass das Pferd 24 Stunden keine Nahrung oder Flüssigfutter und Wasser erhält. Die Speiseröhre ist derart gereizt, dass jedes weitere Futter wieder zur Verstopfung führen kann. Über weitere 10 Tage sollten keine Pellets, Äpfel und Möhren gegeben werden. Schließlich sollten die Zähne von einem Tierarzt untersucht und gegebenenfalls korrigiert werden.

In wenigen Fällen ist die beschriebene Therapie nicht erfolgreich, wenn z.B. ein Apfel feststeckt und trotz aller Medikamente nicht den Schließmuskel des Magens passieren kann oder bei stark verkleisterten, zementierten langwierigen Verstopfungen. In diesen Fällen kann in Vollnarkose eine erneute Spülung mit einem Zweiwegeschlauch versucht werden. Wenn das auch nicht zum Erfolg führt, muss der Fremdkörper operativ entfernt werden.

Prophylaxe:

  • Regelmäßige Zahnkontrolle und falls notwendig auch Behandlung, d.h., alle 6 bis 12 Monate je nach Zustand und Alter des Pferdes sollte das Gebiss kontrolliert werden.
  • Optimales Futter: keine trockenen Rübenschnitzel verfüttern, sondern diese mindestens 12 Stunden in Wasser quellen lassen, Pellets nicht als Alleinfutter geben, sondern mit anderen Futtermitteln, z.B. Hafer, mischen, Vorsicht bei der Verfütterung von Mohrrübenstücken und kleinen Äpfeln.
  • Optimales Fütterungsmanagement: erst das Rauhfutter geben, danach erst das Kraftfutter. Insbesondere ist das zu beachten, wenn das Pferd nach dem Reiten oder der Koppel in die Box kommt. Stress vermeiden, beispielsweise durch optische Trennung futterneidischer Nachbarn. Mehrere kleine Portionen über den Tag verteilt füttern (Fütterungsautomaten). In Stresssituationen das Pferd nicht füttern. Insbesondere bei Aufregung auf dem Turnier oder beim Tierarzt nicht versuchen, das Tier über Futter zu beruhigen, bzw. nur mit „ungefährlichem“ Futter, beispielsweise Händchen Hafer, Müsli oder ganzer Mohrrübe, großer, weicher Apfel.
Dr. Swantje Werner

Fachtierärztin für Pferde, Fachtierarztpraxis Eversfield, Pferdegesundheit Rhein Main, Hattersheim

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